Macht die passiv-aggressive Achillessehne einen Strich durch die Ultra-Pläne?

Vier Wochen vor dem UTHC müsste ich eigentlich über Höhenmeter, Verpflegung und technische Trails nachdenken. Stattdessen denke ich über eine Sehne nach, die im Alltag kaum noch wehtut und beim Laufen trotzdem zuverlässig das letzte Wort haben will.

Am Morgen stehe ich auf, setze den linken Fuß auf den Boden und – nichts. Kein Schmerz, kein Zwicken, alles gut. Keine nennenswerte Morgensteifigkeit, kein richtiger Schmerz, manchmal lediglich dieses Gefühl, dass da etwas ist. Wenn man spürt, dass man ein Körperteil hat, ist meistens etwas falsch.

Ich drücke auf die Sehne. Im entspannten Zustand ist sie druckempfindlich, angespannt gar nicht. Ich drücke noch einmal, weil Läufer mit Verletzungen schnell Verhaltensweisen entwickeln, die außerhalb der Szene vermutlich als leicht zwanghaft gelten würden. Dann bewege ich den Fuß, taste die Wade ab und versuche aus wenigen Millimetern Gewebe eine Prognose für Kanada herauszulesen.

Stichtag 12. September

Der UTHC 65 startet am 12. September in Québec. Rund 63 Kilometer, ungefähr 1.800 bis 1.900 Höhenmeter, dazu Wurzeln, Steine, Matsch und jenes ständige Auf und Ab, das auf Fotos sehr malerisch aussieht und in der Realität vor allem bedeutet, dass Fuß, Wade und Oberschenkel viele Stunden lang beschäftigt sind.

Meine Achillessehne findet diese Aussicht offenbar weniger romantisch.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass sie inzwischen überhaupt zum Hauptproblem geworden ist. Vor einigen Monaten hätte ich diese Rollenverteilung sofort unterschrieben. Nach Vorhofflimmern, Kardioversion und PFA war zunächst das Herz die große Unbekannte. Was würde unter Belastung passieren? Wie würde es auf mehrere Stunden Ausdauer reagieren? Würde ich irgendwann wieder Vertrauen in meinen eigenen Körper bekommen?

Inzwischen funktioniert das Herz bei langen Belastungen erfreulich unauffällig. Mehrere Stunden Radfahren, Wandern, gleichmäßige Ausdauerbelastung: alles ohne Drama.

Man könnte also sagen, der Organismus habe aufgerüstet und dabei ausgerechnet ein Verschleißteil übersehen.

Nach vier Kilometern zwickt die Sehne

Denn beim Laufen folgt die Achillessehne einem bemerkenswert zuverlässigen Drehbuch. Die ersten Kilometer fühlen sich noch normal an. Dann beginnt die untere Wade langsam zuzuziehen. Daraus wird mehr Spannung, und irgendwann zwickt die Sehne.

Bei einem Testlauf waren die ersten vier Kilometer problemlos. Danach wurde die Wade zunehmend fest, anschließend meldete sich die Achillessehne mit drei bis vier von zehn Schmerzpunkten. Nach 7,4 Kilometern brach ich ab.

Zwölf Tage ohne Laufen später folgte der nächste Test. Fünf Kilometer. Wieder begann es gegen Ende zu zwicken.

Es gibt Verletzungen, deren Botschaft angenehm eindeutig ist. Ist das Bein gebrochen, ist das Bein gebrochen. Kaputt ist kaputt. Aber so eine Sehne, die halbgar vor sich hin existiert und nur meckert, wenn sie beansprucht wird? Widerlich! Meine Sehne Achillessehne ist passiv-aggressiv. Stundenlang ist sie freundlich. Sie lässt mich 80 Kilometer Rad fahren, spazieren, arbeiten und morgens beinahe beschwingt aus dem Bett steigen. Dann ziehe ich Laufschuhe an und nach einigen Kilometern sagt sie: „Leck mich“.

Stoßwellentherapie soll helfen

Beim Fersensporn über den Jahreswechsel hat eine Stoßwellentherapie geholfen. Die soll auch bei Achillessehnenproblemen helfen. Allerdings übernimmt die Krankenkasse die Behandlung nicht. Also sitze ich derzeit regelmäßig bei der Stoßwellentherapie und zahle 49 Euro.

Das Verfahren besitzt dabei psychologisch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Es fühlt sich nach Behandlung an. Da wird nicht bloß ein bisschen gekühlt, gedehnt oder geduldig gewartet. Es tut weh. Angenehm weh. Und je weher es tut, desto angenehmer. Viel hilft viel.

Vier Wochen vor einem Ultra entwickelt man ein ausgesprochen freundliches Verhältnis zu allem, was zumindest nach Fortschritt klingt.

Nach den Behandlungen wurde die Sehne tatsächlich zunehmend weniger druckempfindlich. Spontane Schmerzen habe ich derzeit praktisch nicht. Das ist gut. Allerdings beantwortet es nicht die entscheidende Frage: Hält dieses Gewebe am 12. September nicht fünf, sondern 65 Kilometer Belastung aus?

Viel hilft viel.

Dann müsste mehr ja noch mehr helfen.

Also gebe ich weiter Geld aus.

49 Euro für die Stoßwelle sind dabei eine unangenehm präzise Summe. Nicht genug, um sich wie Privatmedizin für Oligarchen anzufühlen, aber genug, um bei jeder Sitzung kurz auszurechnen, was man dafür sonst hätte kaufen können.

Nach drei Behandlungen bin ich bei 147 Euro. Dafür hätte ich ein Paar Schuhe bekommen.

Da liegt der nächste Gedanke nahe: Wenn Geld offenbar heilend wirkt, könnte man den bürokratischen Umweg über die Praxis eigentlich abkürzen.

Ich erwäge deshalb, an den therapiefreien Tagen einfach 50-Euro-Scheine direkt auf die Achillessehne zu kleben.

Darüber kommt ein Flector-Pflaster.

Gewissheit kann man nicht kaufen

Natürlich weiß ich, dass Heilung so nicht funktioniert. Wahrscheinlich ist genau dieses Wissen das eigentlich Anstrengende an einer Verletzung kurz vor einem großen Ziel. Man kann Geld investieren, Zeit investieren, Trainingspläne umstellen, Physiotherapie machen und in schöner Regelmäßigkeit auf derselben Stelle herumdrücken. Was man nicht kaufen kann, ist Gewissheit.

Ein Ultra dagegen lebt von Gewissheiten.

Man meldet sich an. Man bucht Flüge. Man betrachtet Höhenprofile. Irgendwann existiert dieser Wettkampf nicht mehr nur in einem Kalender, sondern im Kopf. Man beginnt, die Monate davor auf ihn auszurichten.

Monschau war ursprünglich als langer Trainingslauf gedacht. Rund 42 Kilometer und reichlich Höhenmeter, also ein durchaus brauchbarer Belastungstest auf dem Weg nach Kanada. Nach dem 7,4-Kilometer-Lauf war die Sache allerdings erledigt.

Ich habe Monschau gestrichen.

Das klingt vernünftig und fühlt sich trotzdem falsch an.

Denn einen Marathon wegen einer Verletzung nicht zu laufen, obwohl man sich konditionell dazu in der Lage fühlt, verlangt eine merkwürdige Form von Disziplin. Laufen wäre einfach gewesen. Nichtlaufen produziert dagegen sofort Argumente.

Vielleicht nur locker.

Vielleicht viel gehen.

Vielleicht abbrechen, wenn es weh tut.

Vielleicht läuft es sich ja ein.

Monschau war nur Training. Kanada ist das Ziel.

Also fahre ich Fahrrad.

Viel Fahrrad.

82,2 Kilometer bei der ersten langen Runde, 4:08 Stunden Bewegungszeit und 469 Höhenmeter. Es war heiß, ich trank zwei Liter Wasser, einen Liter Cola und einen halben Liter alkoholfreies Bier. Dazu drei Gels, was sich im Nachhinein als etwas knappe Kohlenhydratversorgung erwies.

Die Beine wurden müde, erste Krämpfe deuteten sich an.

Die Achillessehne?

Nichts.

Bei der zweiten großen Runde waren es 84 Kilometer, 4:10 Stunden und 546 Höhenmeter. Durchschnittspuls 115. Weniger Pausen, stabile Belastung.

Wieder nichts an der Achillessehne.

Dafür schmerzten irgendwann Handgelenke und Gesäß, wodurch sich die Erkenntnis bestätigte, dass der menschliche Körper stets neue Möglichkeiten findet, einen Ausdauersportler zu beschäftigen.

Fast drei Stunden Wandern mit 13,9 Kilometern und 284 Höhenmetern funktionierten ebenfalls problemlos.

Das ist einerseits beruhigend. Andererseits zeigt es die Absurdität der Situation besonders deutlich.

Ich bin durchaus in der Lage, vier oder mehr Stunden Sport zu treiben.

Ich darf dabei bloß nicht laufen.

Der Motor kann arbeiten. Die Sehne bestimmt die Fortbewegungsart.

Natürlich ersetzt Radfahren keinen langen Trailrun. Das wäre eine hübsche Geschichte, stimmt aber nicht. Auf dem Rad fehlen die tausenden Bodenkontakte, die exzentrische Arbeit bergab, das Stolpern, Abfangen, Nachsetzen und Stabilisieren.

Trotzdem hält das Rad etwas am Leben, das ich derzeit nicht freiwillig aufgeben möchte: die Ausdauer.

Power-Hiking ist eh Teil meiner Strategie. Laufen nur im Flachen und bergab.

Mein Problem: Ich fühle mich fit und gesund

Meine Verzweiflung entsteht gerade daraus, dass ich mich fast gesund fühle.

Ich kann morgens normal auftreten.

Ich kann stundenlang Rad fahren.

Ich kann lange wandern.

Ich kann Treppen steigen und durch den Alltag gehen.

Nur wenn ich das tue, wofür ich all diese Ausdauer eigentlich aufgebaut habe, erscheint nach einigen Kilometern diese kleine Warnlampe.

Und sofort beginnt wieder das Rechnen.

Noch vier Wochen.

Wie oft noch 49 Euro?

Und wann ziehe ich den Stecker?

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