Schwitze ich noch, oder sind das schon Tränen?

Eigentlich war der UTHC 65 schon abgesagt. Nun wird die Achillessehne ruhiger, das Rad hält die Ausdauer am Leben und vier Tage vor dem Start soll ein kurzer Lauf in Kanada die endgültige Antwort geben.

Eigentlich war die Sache entschieden. Der UTHC 65 sollte ohne mich stattfinden, weil die Achillessehne bei mehreren Testläufen ein derart zuverlässiges Verhalten gezeigt hatte, dass man schon einiges an Fantasie aufbringen musste, um daraus noch einen vernünftigen Start abzuleiten.

Nach vier Kilometern zickt die Sehne

Nach ungefähr vier Kilometern wurde die untere Wade fest, kurz darauf meldete sich die Sehne, und damit war die Frage, ob aus ein paar halbwegs ordentlichen Kilometern irgendwie 65 technische werden könnten, im Grunde beantwortet. Ich hatte die Sache für mich abgehakt, was eine gewisse Ruhe brachte, wenn auch keine gute. Aber immerhin die Gewissheit, dass es nun mal nix wird.

Seit ich den Entschluss gefasst habe, passt die Sehne allerdings nicht mehr ganz zu dieser Entscheidung. Morgens ist sie praktisch ruhig, die Druckempfindlichkeit hat deutlich nachgelassen, die Wade fühlt sich weicher an und im Alltag verschwindet das ganze Thema stellenweise so weit aus dem Bewusstsein, dass ich die Dehnübungen vergesse, die so wichtig sind. Aus der Sehne, aus dem Sinn oder so.

Radfahren als Umweg

Gelaufen bin ich zuletzt kaum noch. Also eigentlich gar nicht. Dafür sitze ich auf dem Fahrrad und sammle Stunden, Kilometer und Höhenmeter, was für einen Läufer fast so schlimm wie Aquajogging ist: sinnvoll, funktional und durchaus anstrengend, aber eben nicht das, worum es eigentlich geht. Und im Falle von Fahrradeinheiten auch noch extrem zeitraubend.

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Am 8. August waren es rund 84 Kilometer mit 546 Höhenmetern und etwas mehr als vier Stunden Fahrzeit. Später folgten 67,9 Kilometer mit 556 Höhenmetern in 3:12 Stunden, am nächsten Tag noch einmal 27,7 Kilometer. Innerhalb von zwei Tagen kamen damit knapp 96 Kilometer und mehr als 700 Höhenmeter zusammen. Die Beine wurden müde, das Herz arbeitete, das Hirn schaffte es, möglichst wenig zu denken. Andere Körperteile meldeten sich schlichtweg ab – das lange Sitzen klemmt wohl den einen oder anderen Nerv ab. Die Achillessehne blieb währenddessen vollständig unauffällig.

Für die konkrete Frage, ob ich einen Ultratrail laufen kann, ist das nur begrenzt aussagekräftig. Auf dem Fahrrad fehlen die tausenden Bodenkontakte, die wechselnden Winkel, die Arbeit bergab und die kleinen Korrekturen, die auf technischem Untergrund permanent stattfinden. Für die Ausdauer ist das Rad trotzdem wertvoll, weil lange Belastungszeiten erhalten bleiben und die Beine über Stunden arbeiten, ohne dass die Sehne fortwährend jene Bewegungsmuster abbekommt, die sie zuletzt gereizt haben. Wenige Tage vor der Reise lässt sich ohnehin keine neue Form mehr aufbauen. Der sinnvollste Teil des Trainings besteht derzeit darin, das Vorhandene zu konservieren und die problematische Struktur möglichst wenig zu provozieren.

Die Wade wird unauffälliger

Auch die linke Wade hat sich verändert. Vor einigen Wochen fühlte sie sich auf der Blackroll im unteren Bereich noch deutlich knotiger an als die rechte Seite, vor allem dort, wo bei den problematischen Läufen häufig zuerst die Spannung entstand. Inzwischen ist sie weich, beim Dehnen mit gebeugtem Knie entsteht kaum noch dieses harte Zuggefühl, und selbst versehentliches Rollen über die Achillessehne ruft nur noch wenig Reaktion hervor.

Vielleicht war die Sehne nie allein das Problem, vielleicht spielte die untere Wade eine größere Rolle, vielleicht ist die ganze Sache komplizierter, als es sich mit zwei Fingern und einer Blackroll erfassen lässt. Der menschliche Bewegungsapparat verweigert sich leider allzu oft den Regeln der Logik. Der Körper bevorzugt Übergänge, Wechselwirkungen und diffuse Signale.

Die Stoßwelle verliert ihren Schrecken

Auch bei der Stoßwellentherapie hat sich die Reaktion verändert. Eine frühere Behandlung mit 0,45 mJ/mm² war noch ausgesprochen deutlich gewesen, also angenehm schmerzhaft. An einzelnen Stellen schoss der Schmerz sofort hoch, was in meiner inzwischen etwas verzerrten Patientensicht immerhin das Gefühl vermittelte, dass die 49 Euro dort ankamen, wo sie hin sollten.

Bei der jüngsten Sitzung mit 0,40 mJ/mm² musste der Arzt deutlich länger suchen, bis überhaupt noch Punkte auftauchten, die wirklich unangenehm waren. Das beweist natürlich keine Heilung, passt aber zu den übrigen Veränderungen: weniger Druckempfindlichkeit, weniger Morgensteifigkeit, weniger Spannung und insgesamt weniger lokale Reizbarkeit.

Zum Abschied sagte der Arzt schlicht: „Viel Erfolg.“ Und er meinte den Lauf. Wirklich! Zwei Worte, die medizinisch nichts bedeuten, in meinem Kopf trotzdem einer Startfreigabe gleichkommen. Man wird ja bescheiden, zumal die aufmunternden Worte des Arztes so schön zu meinem heimlichen Plan passten.

Der Trainingsplan besteht inzwischen aus Zurückhaltung

Zwei Tage nach dem Beschluss, nicht beim UTHS zu laufen, habe ich nämlich überlegt, ob es denn überhaupt nötig ist, eine Entscheidung zu treffen. Ich könnte doch einfach weiter radfahren, die Sehne dehnen und schonen und mit allerlei Tinkturen von Diclofenac bis Feels.like behandeln und mit der Blackroll traktieren. Und dann mache ich ein paar Tage vor dem UTHC einfach einen Testlauf und weiß anschließend bescheid.

Gelaufen wird erst wieder ungefähr am 8. September, vier Tage vor dem Start. Irgendwo in Montréal oder in der Umgebung werde ich die Schuhe anziehen und eine kurze Runde absolvieren, die sportlich kaum Bedeutung hat und trotzdem entscheidend sein wird.

Dabei interessiert mich im Grunde nur das alte Muster. Wird die untere Wade wieder fester? Meldet sich die Sehne nach einigen Kilometern? Bleibt das Gefühl stabil? Ebenso wichtig ist der Morgen danach, denn eine Sehne, die während des Laufens schweigt und sich zwölf Stunden später mit Nachdruck zurückmeldet, wäre kein besonders gutes Argument für 65 Kilometer technischen Trail.

Es ist eine eigentümliche Vorstellung, dass eine der wichtigsten Einheiten meiner gesamten UTHC-Vorbereitung zugleich eine der unspektakulärsten sein wird. Ein paar Kilometer, vermutlich in sehr gewöhnlichem Tempo, ohne Trainingsreiz und ohne sportlichen Wert im klassischen Sinn. Entscheidend wird lediglich sein, was die Sehne daraus macht.

Normalerweise reist man zu einem Ultra mit dem Gefühl, dass die wesentlichen Entscheidungen längst gefallen sind. Man hat trainiert, getapert, gepackt und bewegt sich gedanklich bereits auf den Start zu. Ich werde nach Kanada fliegen und erst dort herausfinden, ob aus der Reise tatsächlich ein Wettkampf wird. Für Reiseplanung ist das suboptimal, für die Achillessehne möglicherweise die vernünftigste Variante.

Die Rückkehr der Hoffnung

Mit der Besserung kommt allerdings etwas zurück, das ich nach der innerlichen Absage des UTHC schon ganz gut im Griff hatte: Hoffnung. Sie ist lästig, weil sie aus kleinen Veränderungen sofort größere Möglichkeiten baut. Eine weichere Wade wird zum guten Zeichen, eine ruhige Stoßwellenbehandlung zum Fortschritt und ein schmerzfreier Alltag irgendwann zu der Frage, ob 65 Kilometer vielleicht doch machbar wären.

Darauf kann man sich einlassen, solange man die Größenverhältnisse nicht vergisst. Ein ruhiger Morgen bleibt ein ruhiger Morgen. Eine unauffällige Radausfahrt bleibt eine unauffällige Radausfahrt. Keine dieser Beobachtungen sagt für sich genommen etwas darüber aus, wie sich die Sehne nach mehreren Stunden technischem Trail verhalten wird.

Trotzdem hat sich die Ausgangslage verändert. Vor einigen Wochen wirkte der Start kaum vertretbar, inzwischen ist er wieder eine reale Möglichkeit. Mehr möchte ich aus den vergangenen Tagen noch gar nicht machen.

Oder doch? Denn es gibt da noch ein paar Wahrheiten.

Der hat eigentlich „nur“ 63,5 Kilometer. Das Zeitlimit beträgt 12:27 Stunden. Das entspricht einer Pace von 11:46 min/km. Wenn ich hier im Wald mit Bergen gemütlich wandere, habe ich in der Regel eine Pace von 12 min/km. Beim UTHC würde ich zumindest stellenweise laufen. Bergab zum Beispiel. Und im Flachen. Das ist schlimm. Das macht nämlich wirklich Hoffnung.

Ich habe schon mal Gel bestellt. 18 Päckchen. Es könnte schließlich länger dauern.

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