Wie sich das Laufen auf mich als BVB-Fan auswirkt — und warum das unfair ist

Seit ich laufe, ändert sich peu à peu meine Einstellung zum Leistungssport, vor allem zum Fußball. Ich bewerte zum Beispiel die Spieler meines geliebten BVB immer kritischer, weil ich mir einbilde, jetzt Ahnung von Sport zu haben. Ich glaube, das ist unfair.

„Borussia werdet ihr niemals unterkriegen!

Dortmund wird immer wieder siegen!“

Bums

Beim Laufen habe ich gerne ein Mantra. Das hilft, wenn es hart wird. Der Kopf ist abgelenkt. In den Jahren 2011 bis 2013 war dieses Mantra sehr oft ein Refrain der zumindest in Dortmund weltberühmten Band Bums. Stundenlang habe ich diese zwei Textzeilen in meinem Kopf gesungen und dabei Kilometer um Kilometer gefressen: „Borussia werdet ihr niemals unterkriegen! Dortmund wird immer wieder siegen!“

Borussia Dortmund ist auch ein Gemütszustand

Meine Borussia-Playlist ist musikalisch nicht unbedingt das Maß aller Dinge. Aber der BVB ist ja nicht nur ein Verein, sondern auch ein Gemütszustand. In sportlich guten Zeiten gibt es da durchaus eine Wechselwirkung zwischen den Leistungen auf dem Rasen und auf dem Asphalt.

Mit dem Ehrgeiz wachsen die Ansprüche – an mich und an den BVB

Als BVB-Fan, der in den frühen Achtzigern sozialisiert wurde, bin ich ja eigentlich ein anspruchsloser Mensch. Ich erwarte keine Titel, keine Siege in Serie. Ich erwarte nur eines: vollen Einsatz, immer. Das Westfalenstadion hat mehr als einmal Verlierer wie Sieger gefeiert.

Nichts ist so geil wie der Jubel über ein erreichtes Ziel.

Seit ich aber selber leistungsorientiert trainiere (das Niveau lassen wir hier mal außen vor…), hat sich mein Anspruchsdenken ein ganzes Stück geändert. Nicht zum Positiven, wie ich merke. Ich fordere mehr. Vor allem fordere ich von den Spielern mehr sichtbaren Siegeswillen ein.

Nicht falsch verstehen! Ich erwarte nicht, dass die Mannschaft wie die arroganten Bayern mit dem Selbstverständnis in ein Spiel geht, dass sie es irgendwann eh gewinnt und sich dabei noch dreimal vor lauter Selbstverliebtheit auf die Oberarme küsst.

Nein, das wäre nicht mein BVB! Ich will nicht mehr und nicht weniger als dass die Mannschaft jedes Spiel glaubhaft so bestreitet, als wolle sie es gewinnen.

Immer Marcel Schmelzer vor Augen

Für mich ist jeder Lauf, jedes Training irgendwie Kampf. Und wenn es um Kampf geht, habe ich ein bestimmtes Bild vor meinem inneren Auge. Ich sehe, wie Marcel Schmelzer in der Nachspielzeit gegen Malaga erst einen Ball ersprintet und anschließend in einem weiten Bogen zum Einwurf rennt. Dieser eine Laufweg und die Körpersprache versinnbildlichen für mich Kampf. Immer wenn ich im Training oder im Rennen beißen muss, rennt in meinem Kopf Marcel Schmelzer zur Seitenlinie.

 

Der nicht immer angenehme Nebeneffekt: Ich bin echt unfair gegenüber den Profis geworden. „Wenn ich Amateur kämpfen kann, dann könnt ihr Profis das auch!“, denke ich oft. Ich stecke ja gar nicht in den Köpfen der Spieler, weiß nicht, welchen mentalen Rucksack sie gerade mit sich herumschleppen. Aber Fußball soll ja emotional sein, und dann bin ich es halt auch – emotional und irrational.

Mag sein, dass ich dadurch überkritisch und pingelig geworden bin. Vielleicht hat auch der Kommerz im Profi-Zirkus dafür gesorgt, dass ich weniger nachsichtig geworden bin. Das sind alles Profis, dann sollen sie auch wie Profis funktionieren, egal, ob 17 oder 27 Jahre alt. Aber es sind halt auch Menschen und die funktionieren nun mal nicht immer nach Plan.

Der Sport schreibt seine Geschichten nicht von alleine

Der Sport, sagt man gerne, schreibt wunderbare Geschichten. Das stimmt nur halb. Denn der Sport liefert zwar hervorragende Rahmenbedingungen für die besten Storys, aber die Autoren sind immer die Aktiven, die den Sport betreiben.

Oft gehe ich in einen Wettkampf mit der Fragestellung: „Was will ich über diesen Lauf erzählen?“ Das spornt an. Okay, unterwegs überlege ich tatsächlich ab und zu, wie sich wohl eine Geschichte erzählen ließe, die davon handelt, dass ich bei Kilometer 35 die Brocken hingeschmissen habe und in die U-Bahn gestiegen bin. Wenn der Mann mit dem Hammer gerade zugeschlagen hat, hat diese Story tatsächlich ihren Reiz.

Bislang habe ich – und darauf bin ich wirklich stolz – es immer geschafft, nicht auszusteigen (außer bei drei 10-km-Läufen, aber das ist eine ganz andere Geschichte), sondern den Stift neu anzusetzen und meine Story weiter zu schreiben. Ich weiß meist vorher, was geht und will das dann auch erreichen.

„Von Spiel zu Spiel“ denken wird irgendwann unglaubwürdig

In der fabelhaften Meistersaison 2010/2011 erzählte Borussia eine tolle Geschichte. Die von einer jungen Mannschaft, die zusammengefunden und sich ein Versprechen gegeben hatte. Das war jung, wild und naiv – purer Zauber. Das Credo lautete: Wir denken von Spiel zu Spiel und schauen, was es am Ende wird. Es wurde viel.

Die neue BVB-Geschichte ist die des Umbruchs. Die Saison mit Peter Bosz: Umbruch, weil neuer Trainer und Spieler-Abgänge. Die Rückrunde: Noch mehr Umbruch, weil wieder neuer Trainer. Die laufende Saison 2018/2019: Wieder Umbruch, weil neuer Trainer sowie Spieler-Abgänge und -Zugänge. Wenn Borussia nicht bald dazu übergeht, keine Spieler und Trainer mehr zu verpflichten, haben wir nur noch Umbruch-, Übergangs- oder Neustart-Saisons.

Das Ziel muss sexy sein

Das kannst du als Sportler oder Verein machen. Einmal. Danach, das ist meine absolute Überzeugung, brauchst du ein Ziel. Und dieses Ziel sollte sexy sein.  Für dich und für dein Umfeld. Alle müssen es wollen, alle müssen an deiner Story mitschreiben wollen. So sexy, dass es sich lohnt, dafür Schmerzen auf sich zu nehmen. Bei mir wäre das zum Beispiel eine neue Bestzeit über zehn Kilometer zu laufen (Spötter dürfen jetzt gerne sagen, dass ich zehn Kilometer auch einfach mal finishen könnte). Oder den Marathon in unter 3:45 Stunden zu laufen. Den Halbmarathon unter 1:50 Stunden (da fehlen mir blöde 27 Sekunden!). Ziele machen Sport doch erst attraktiv.

Die Meisterschale steht mir gut.

Usain Bolt ist nicht 90 Meter gelaufen, sondern 100. Eliud Kipchoge bleibt in Berlin nicht unterm Brandenburger Tor stehen und denkt sich: „Och, war geil, scheiß auf Weltrekord.“ Wer in Biel die 100 Kilometer läuft, bleibt beim Schild mit der 99 zwar stehen – aber nur kurz fürs Foto. Nein, ich denke, dass ein Leistungssportler, und erst recht ein Hochleistungssportler wie es Fußballprofis sind, dazu verdammt ist, sich das für ihn höchstmögliche Ziel zu setzen und dann alles dafür zu tun, um es zu erreichen.

Der BVB muss nicht Meister werden, aber er muss es wollen

Leider ist der Profi-Fußball auf bestem Wege, den sportlichen Wettkampf so weit wie möglich abzuschaffen. In der Bundesliga geht es um die Meisterschaft und darum, unter die ersten vier Teams zu kommen. Denn leider sind die ersten Vier allesamt für die Champions League qualifiziert. Das Saisonziel aller ambitionierten Klubs lautet also: Nicht Fünfter werden.

Na, auch so aufgeregt?

Was soll das bitte für eine Geschichte sein? Ein Team, das vom Etat und vom Personal her ohnehin zu den Top Vier der Liga gehört, soll als Ziel ausgeben,  unter die ersten Vier zu kommen? Damit ja keiner enttäuscht ist, wenn man nicht Meister wird?

Weck mich, wenn’s vorbei ist. Wo sind wir hier denn – bei den Bundesjugendspielen oder in der Bundesliga?

Wie wäre es damit? Wir schauen mal, wo wir uns so verorten. Dann stellen wir fest, dass wir – rein von den Leistungsdaten her – gegen 16 der 17 Liga-Konkurrenten zumindest nicht zwangsläufig verlieren müssen. Kann da das Ziel sein, nicht Fünfter zu werden?

Meine Story für die Saison wäre, Meister werden zu wollen. Darauf zu hoffen, dass es die Konkurrenz irgendwann erwischt. Und wenn die Bayern gegen keine der 16 anderen Mannschaften verlieren, dann verlieren sie gefälligst gegen uns. So! Und wenn nicht: Egal, solange wir alles gegeben haben.

Die Geschichte von der Mannschaft, die einfach nur geil sein will

Und dann fängt der BVB an, seine Geschichte zu schreiben. Eine Geschichte von einer Mannschaft, die geil sein will. Die geilen Fußball spielen und ihre Spiele gewinnen will. Die so leidenschaftlich spielt, dass man ihr alles verzeiht. Der man sogar verzeiht, dass Torhüter sich die Bälle selbst ins Tor schmeißen. Weil diese Mannschaft so versessen darauf ist, ihre Story zu schreiben. Die Mannschaft, die nach dem Spiel keine Interviews geben kann, weil die Jungs komplett platt sind.

Und wenn wir dann nicht Fünfter werden, sind wir der geilste Nicht-Fünfte aller Zeiten. Oder vielleicht sogar Meister.

Druck der Medien macht Ambitionen schwer

Ich bin ja ein Glückspilz. Ich bin in meinem Sport so schlecht, dass sich kein Mensch für meine Ziele und Leistungen interessiert. Darum kann ich mir fröhlich Ziele setzen, sie revidieren, wegwerfen, neuformulieren, anpassen, verfehlen und hinterher so tun, als sei alles tutti. Ich darf das alles. Borussia darf das nicht.

Mal wieder über eine Meisterschaft zu jubeln wäre schon, äh, nett. 🙂

Das macht viel im Sport kaputt. Wenn BVB-Chef Aki Watzke das Wort „Meister“ vor der Saison irgendwie in den Mund nähme, würde er in alle Ewigkeit darauf festgenagelt. Das ist eine Schande. Wer sich beispielsweise das Buch „Limit Skills“ von Michele Ufer durchliest, lernt etwas ganz Erstaunliches über Ziele: Sie leben.

Sportler, nein Menschen allgemein, sollten in der Lage sein, ihre Grenzen zu kennen, Ziele zu formulieren und im Training, im Wettkampf oder im Leben diese Ziele zu ändern, wenn es nötig ist. Das heißt: Wenn du plötzlich mit neun Punkten Vorsprung Tabellenführer bist, darfst du dein Ziel korrigieren und Meister werden wollen. Setze ein positives Ziel. Das Ziel darf nicht sein, fortan die Tabellenführung nicht mehr zu verlieren. Das Ziel muss klar, deutlich und positiv sein: Gewinnen! Meister werden! Und wenn es dann nicht klappt – nächstes Jahr noch mal versuchen.

Aber vermittele das mal den Medien… Versuch mal, bei Twitter oder in einer der furchtbaren Fußball-Laberrunden im TV jemandem zu erklären, wie du deine Ziele ermittelt hast und unter welchen Umständen du sie wie an die eventuell geänderten Gegebenheiten anpassen würdest. Dass da außer den Bayern alle nur noch tiefstapeln, ist kein Wunder.

Ich kenne inzwischen einige Athletinnen und Athleten von regionaler, nationaler oder internationaler Klasse. Sie sprinten, laufen, springen oder fahren Bob. Ich kenne auch ehemals sehr hoffnungsvolle, aber aufgrund widriger Umstände gescheiterte Sportlerinnen und Sportler. An allen bewundere ich die Leistungs- und die Leidensfähigkeit. Aber eine Eigenschaft bewundere ich noch mehr: Sie wissen zu 100 Prozent, was sie wollen und ordnen ihrem Ziel alles unter.

Wenn ich in den vergangenen Wochen sehr übellaunig mit meinem BVB umgegangen bin, dann weil ich die Befürchtung hatte, dass der BVB in dieser Saison zu keinem Zeitpunkt ein wirklich klar formuliertes Ziel vor Augen hatte, mit dem sich eine tolle Geschichte erzählen ließe. Ich bin der festen Überzeugung, dass genau das der Grund dafür ist, dass die Tabelle irgendwann gekippt ist. Die Bayern wussten immer, was sie wollen, die Borussen, wussten, was sie nicht wollten: Fünfter werden.

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