Ultra-Running – einfach nur exklusiv oder doch rassistisch?

Kann eine Sportart per se rassistisch sein? Vermutlich nicht. Aber die Umstände, unter denen sie ausgeübt wird, schon. Zufall kann es nicht sein, dass mit steigender Streckenlänge und sinkendem Preisgeld der Anteil schwarzer Athleten an Ausdauerwettkämpfen schrumpft. Ist das Absicht?

Alle weiß: Rennen für Amateure werden von Weißen dominiert. Afrikaner können sich den Spaß nicht leisten.

Was war das für ein Aufschrei! Als die Organisatoren des Halbmarathons im italienischen Triest verkündeten, keine afrikanischen Läufer an den Start lassen zu wollen, sahen sie sich im Nu mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Die Gemengelage war auch äußerst ungünstig, hatte in Italien doch gerade eine offen rassistische Regierung das Ruder übernommen. Die Absage an Afrikaner schien also den üblen Zeitgeist zu treffen.

Afrikaner werden ausgebeutet

Die Begründung der Organisatoren ging dabei allerdings unter. Die beteuerten nämlich, sie hätten lediglich auf die mitunter unwürdigen Umstände aufmerksam machen wollen, unter denen afrikanische Läufer durch Europa tingeln und von Managern ausgebeutet werden. Ob die Begründung stimmt, sei dahingestellt.

Es gibt eine spannende Doku über den deutschen Manager Volker Wagner, die das Geschäft mit den Afrikanern in der Tat in zweifelhaftem Licht erscheinen lässt.

Natürlich sorgt die Teilnahme von Kenianern an Marathons oft für eine Schieflage. Die Kenianer sind Profis, die Lokalmatadoren meist Amateure. Winkt bei einem Lauf in der Provinz ein Preisgeld, schwinden die Siegchancen für Läufer aus der Umgebung drastisch, weil sich Afrikaner (und ihr Management) durch einen Spontanstart und Sieg ein paar Hundert Euro verdienen können.

UPDATE: Jüngst kam es in Luxemburg zu einer Anklage, weil eine Sportlerin sich rassistisch über siegende Kenianer geäußert hat.

Afrikaner meiden Ultra-Rennen

Mein Bekannter Michele hat letztens einen Text geteilt, in dem es darum geht, dass bei Ultra-Läufen keine Kenianer und Äthiopier teilnehmen, obwohl doch gerade aus diesen Ländern angeblich die besten Ausdauersportler kommen.

Man könnte das noch ausweiten. Wer das famose Buch „Born to run“ gelesen hat, wird sich fragen, warum Vertreter der Tarahumara nicht weltweit bei Marathons und Ultras dominieren. Okay, das Buch gibt einige kulturell und spirituell begründete Erklärungsansätze. Dennoch ist es seltsam, dass es nur wenige Fälle gibt, in denen Mexiko Tarahumara oder die USA Navajo oder Hopi zu erfolgreichen Olympioniken gemacht haben.

Andersrum fragt man sich vielleicht auch, warum diese Völker nicht alles daran setzen, ihre Talente im Langstreckenlauf zu nutzen, um der Armut in ihren Heimatländern zu entkommen. Dass sie es drauf haben, haben einige Tarahumara beim ultra-harten Leadville 100 mehrfach gezeigt. Vielleicht machen sie es einfach deshalb nicht, weil es jenseits der Marathon-Strecke kein Geld zu verdienen gibt. Und auf den 42,195 km dominieren die Kenianer – warum sollte man sich mit denen anlegen?

Biel: Kein Geld, keine Afrikaner

Bei den bei europäischen Ultra-Läufern so beliebten Bieler Lauftagen mit dem 100-km-Lauf als Höhepunkt hat noch nie ein Afrikaner gewonnen. In Biel gibt es nur für den Streckenrekord sowie für eine Sprintwertung nach 16,9 km Geld, nicht aber für den Sieg. Da ist das Risiko für jemanden, der auf das Preisgeld angewiesen ist, viel zu hoch.

Das Geld liegt im Laufsport auf der Straße

Und da sind wir beim Thema Geld. Das Geld liegt im Laufsport im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße. Und dort dominieren Athleten aus Ostafrika, namentlich Kenia, Äthiopien und Eritrea. Zumindest dann, wenn es eine Siegprämie gibt. Denn für die Afrikaner ist der Laufsport kein spirituell aufgeladenes Ding, sondern ein Beruf. Speziell in Kenia ist der Laufsport DAS Mittel, um der Armut zu entkommen.

Wer hingegen die ganz langen Strecken, am besten noch im extremen Gelände, auf sich nimmt, ist in der Regel Amateur und außerdem Europäer oder US-Amerikaner, die, wenn sie den Sport denn profimäßig ausüben, eher von Sponsoren-Geldern als von Siegprämien leben. Zwar ist das Ultra-Business eine wahre Kommerzmaschine, in die Sponsoren Millionen pumpen. Aber bei den meisten Athleten kommt kaum etwas davon an. Anders machen es die Organisatoren des legendären Two-Oceans-Ultras in Kapstadt. Dem Sieger winkt ein stattliches Preisgeld. Prompt stehen immer mal wieder Schwarze auf dem Treppchen.

Amateur-Sport muss man sich leisten können

Das ist die Crux. Profis wollen mit Sport ihren Lebensunterhalt bestreiten. Amateure geben für ihre Leidenschaft Geld aus, das gilt ebenso beim Triathlon. Und die Zahl der Kenianer, die aus Jux und Dollerei gerne mal den Mont Blanc umrunden würden, hält sich vermutlich in engen Grenzen, von der teuren Anreise und der Ausrüstung mal ganz abgesehen. Equadorianer könnten hier auftrumpfen, doch für die gelten ähnliche Vorzeichen wie für die Afrikaner: Die Anreise lohnt sich nicht für Ruhm und Ehre, die außerhalb der Szene kaum jemanden interessieren.

So ist die Gemeinschaft der Ultra-Läufer ein äußerlich ziemlich homogener Haufen aus Weißen mit einem ziemlich teuren Hobby. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden, und auch die reine sportliche Leistung ist so oder so beachtlich.

Eine Mischung aus Training und Finanzkraft

Aber jeder, der einen Ultra-Marathon irgendwo auf der Welt gewinnt, sollte wissen, dass er seinen sportlichen Erfolg nicht nur aufgrund seines harten Trainings verdient hat, sondern auch, weil er es sich finanziell leisten kann und die eigentlichen Favoriten genau das nicht können. Ich wette, dass auch beim Antelope Canyon Ultra im März überwiegend Menschen mit weißer Hautfarbe auf der Strecke sein werden. Es gibt ja auch nichts zu gewinnen außer Sand in den Schuhen und einem guten Gefühl.

Macht das den Sport per se rassistisch? Ich denke, nein. Denn es war sicherlich nie die Intention von Ultra-Läufern, eine Sportart zu (er)finden, bei der keine Afrikaner oder Südamerikaner an den Start gehen können. Die Exklusivität von solchen Läufen ergibt sich aus den äußeren Umständen, aus der Tatsache, dass die Veranstalter ihre fetten Einnahmen nicht mit den Athleten teilen wollen.

Rassismus ist eher unbeabsichtigt

Da schließt sich allerdings wieder der Kreis. Denn die Veranstalter und Sponsoren denken natürlich knallhart wirtschaftlich. Sie sind auf Sieger angewiesen, mit denen sich der Rest der Szene identifizieren kann – also weiße Europäer oder Amerikaner aus der Nachbarschaft. Der Rassismus – wenn das denn der richtige Begriff ist – ist wohl eher unbeabsichtigt. Und doch ist er irgendwie da.

Denn seien wir ehrlich: Kein europäisches Kind wird Marathoni, weil es Eliud Kipchoge nacheifern will. Weltrekorde beim Berlin-Marathon versprühen zwar Glamour und lassen sich gut vermarkten, aber Identifikation? Dafür sind die Leistungen der Kenianer einfach zu weit weg. Wattenscheid ist näher.

Zahlt Preisgelder und öffnet die Wettkämpfe

Ich würde es gerne sehen, wenn sich die Ultra-Welt öffnen würde. Preisgelder würden die großen Läufe attraktiv für Athleten aus armen Ländern machen. Wer am Eiger, am Großglockner oder auf der Zugspitze triumphiert, soll auch der wirklich beste Bergläufer sein, nicht jemand, der sich den Sport als (zugegebenermaßen sehr anstrengendes) Luxus-Hobby leisten kann.

Es zeichnet den Laufsport aus, dass er so niederschwellig ist. Die besten Läufer der Welt dadurch auszuschließen, dass man sich zu einem elitären, exklusiven Zirkel zusammenschließt, der den Sport an Orten ausübt, die nur mit hohen Kosten zu erreichen sind, ist vielleicht nicht zwangsläufig rassistisch. Aber es ist schade.

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