Orientierung beim Laufen – die Brieftaube in mir

210 Minuten soll ich laufen, sagt der Trainingsplan. Es dauert eine Weile, bis ich ausgerechnet habe, dass das dreieinhalb Stunden sind. Nachdem das erledigt ist, stellt sich die nächste Aufgabe: Wo laufe ich her? Und wie finde ich einen Weg, von dem ich gar nicht weiß, ob es ihn gibt? Verlassen kann ich mich dabei stets auf mein untrügerisches Zeitgefühl und meinen brieftaubenartigen Orientierungssinn.

Ich erinnere mich an ein sehr unschönes Lauferlebnis. Es war ein warmer Tag, und irgendein Trainingsplan wollte von mir etwas Ungewohntes: Ich sollte nicht eine bestimmte Distanz laufen, sondern eine Zeit, 110 Minuten oder so, in einem bestimmten Schnitt. Da ich im Traum nicht auf die Idee kommen würde, auszurechnen, wie viele Kilometer das sind, bin ich einfach losgelaufen. Schön langsam, immer schön von zu Hause weg.

Plötzlich in der Pampa

Und irgendwann stand ich in der Pampa von Dortmund-Schüren und hatte noch viel zu viel Weg bis nach Hause, aber keine Zeit mehr.

Das ist mir seitdem nie mehr passiert.

Auf Baltrum kenne ich jeden Weg.

Mit traumwandlerischer Sicherheit laufe ich so gut wie immer mehr oder weniger exakt die von meinem Trainer  geforderten Kilometer und lande ziemlich punktgenau vor der eigenen Haustür. Wenn ich sage, dass ich zehn Kilometer laufen werde, werden es auch mit ziemlicher Sicherheit genau zehn Kilometer, und drei Stunden sind ziemlich verlässlich drei Stunden.

Auf der Hausstrecke selbstverständlich

Das ist in der Nähe meiner Hausstrecke nicht so besonders, schätze ich. Die Hausstrecke heißt nicht umsonst so, und auch die verschiedenen Variationen kann ich beim Laufen ganz gut in Punkto Zeit- und Kilometerbedarf ganz gut einschätzen.

Dortmund liegt mir vor meinem inneren Auge zu Füßen.

Die Brieftaube in mir kommt vielmehr dann zum Vorschein, wenn ich mich auf seltener belaufenes Terrain begebe. Vielleicht hilft mir dabei mein Faible für Landkarten und Stadtpläne. Ich weiß eigentlich immer, wie weit es von einem imaginären Streckenpunkt zum nächsten ist, und auch Berge und Täler sind im Kopf kartiert. Auf Baltrum weiß ich ohnehin, welchen Zickzack und wie viele Runden ich laufen muss, um auf die gewünschten Kilometer zu kommen. Aber selbst auf völlig unbekanntem Terrain in London hatte ich nie die Sorge, mich zu verlaufen.

Die Strecke entsteht beim Laufen

Wenn ein langer Lauf im Plan steht, teste ich gerne neue Strecken. Dabei biege ich sehr oft spontan einfach irgendwo ab und habe nur eine grobe Ahnung, wo mich die Straße hinführt. Mal habe ich den Straßennamen schon mal irgendwo gelesen, mal vermute ich einfach, wo es langgehen könnte. Die Strecke entsteht beim Laufen. Dabei sehe ich die Gegend wie auf einer topografischen Karte vor meinem geistigen Auge liegen.

Oft renne ich aus der Haustür, denke an einen Weg irgendwo links – und biege rechts ab. Planung geht anders. Trotzdem klappt es meistens.

Wenn der Umweg zur Abkürzung wird

Selten verlaufe ich mich. Und selbst, wenn ich einen Umweg laufen will, schaffe ich das oft genug nicht. Neulich dachte ich, ich könnte den Weg zu den Schwiegereltern noch ein bisschen verlängern, weil ich laut Plan ein paar Kilometer mehr gebraucht hätte. Ich bog also ab auf einen Feldweg, den ich immer schon mal ausprobieren wollte. Der erhoffte Umweg durch die Felder entpuppte sich als Abkürzung.

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