Köln-Marathon 2018: Mit Kampf und Krampf zum Dom

Wenn ich im Ziel eines Laufs weinen muss, muss schon etwas Besonderes passiert sein. Vor genau einem Jahr in Essen war es Erleichterung. Auf dem Stilfser Joch war es Stolz. Im Schatten des Kölner Doms war es alles. 35 Kilometer lang war es der perfekte Marathon, am Ende war es eine Geschichte vom Kämpfen und von Krämpfen.

Genau vor einem Jahr schrieb ich in meinem Fazit zum Marathon am Baldeneysee in Essen, dass die Ente hinten fett ist und ein Marathon erst bei Kilometer 30 so richtig anfängt. Damals hatte ich mich mit einem finalen Kraftakt unter die magische Vier-Stunden-Marke gekämpft und im Ziel vor Erleichterung ein paar kleine Tränchen verdrückt.

Köln-Marathon 2018: Ein fast perfekter Lauf

Im Schatten des Kölner Doms waren es ein paar Tränen mehr. Und das, obwohl dieser Marathon lange, lange ein perfekter Lauf war.

Nach der vielleicht besten Vorbereitung aller Zeiten mit einem 3:29er Plan, um mein Ziel zu realisieren, mit einer Zeit von 3:4x:xx ins Ziel zu kommen, fühlten sich meine Beine vom Start weg hervorragend an. Den ersten Kilometer verbummelte ich im großen Läufertross mit einer gemütlichen 5:51er Pace. Kein Beinbruch, weil ein Marathon nicht auf den ersten, sondern auf den letzten fünf Kilometern „gewonnen“ wird.

Mein Ziel: Jubelnd durch den Zielbogen rennen

Auf der langen Gerade am Rhein entlang Richtung Rodenkirchen erhöhte ich das Tempo dann allerdings doch und lief eine Pace um die 5:20, was so ziemlich meiner Vorstellung entsprach. Wie ich die 4:57 auf Kilometer 16 hinbekommen habe, ist mir allerdings ein Rätsel. Ich fühlte mich fit, frei und frisch, lief und dachte immerzu an mein Ziel, jubelnd durch den Zielbogen zu rennen.

Vorfreude auf den Kölner Dom.

Dieses Ziel schien zu (fast) keiner Zeit in Gefahr. Ich achtete nur auf meine Beine und checkte nur ganz selten die Zeitprognose meiner Uhr (die mich in Venlo ja ein bisschen verarscht hatte – in Köln stimmten die km-Angaben auf der Uhr und an der Strecke aber zu 99 Prozent überein), und wenn ich es tat, stand da meist eine sehr beruhigende Prognose von 3:44:xx Stunden. Zwischendurch liebäugelte ich kurz mit einer 3:39, falls, ja falls ich auf den letzten zehn Kilometern noch richtig gute Beine haben sollte.

Mein drittschnellster Halbmarathon

Nach 1:52:24 Stunden passierte ich die Halbmarathon-Marke – schneller war ich auf der Halbdistanz erst zweimal, da war aber jeweils nach 21,1 km Schluss. Nun hatte ich noch einen Halbmarathon vor mir.

Ein Meer aus Köpfen am Start.

Doch das machte mir keine Angst. Voller Begeisterung startete ich den Countdown Richtung Ziel. „Endlich rückwärts zählen!“ jubelte ich einem müde ausschauenden Mitläufer ins Gesicht, bevor ich weiter mein relativ konstantes Tempo weiterlief.

Den ersten Ausreißer hatte ich bei Kilometer 31. Vermutlich habe ich an einer Verpflegung getrödelt, was ich nicht getan hätte, wenn ich noch richtig fit gewesen. wäre. 5:40 Minuten brauchte ich für Kilometer 31, bekrabbelte mich wieder ein bisschen, aber der Schwung war raus. Allmählich begann der Kampf, zunächst nur mental.

Der lange Weg nach Nippes

Nachdem es in Ehrenfeld noch halbwegs stimmungsvoll zugeht, macht der Marathon einen Abstecher nach Nippes. Zehn Kilometer lang gefühlt sinnloses Kilometerfressen. Hierbei kommen sich die Läufer entgegen, was nett ist, weil man abermals dem kompletten Feld begegnet. Ein letztes Mal konnte ich meine Kumpels Daniel und Wiggy anfeuern, die mir auf meinem Rückweg aus Nippes entgegenkamen, wie zuvor schon an den langen Hin-und-zurück-Geraden in Rodenkirchen und an der Uni.

„Nippes hat mich mental fertig gemacht“, war mein Fazit nach dem Lauf. Ich mag keine Strecken, die erkennbar nur dazu da sind, irgendwie fehlende Kilometer auf den Streckenplan zu füllen. So wurden die Kilometer 30 bis 39 unglaublich zäh, vor allem der „Hinweg“ schien endlos. Immer mehr Läufer kamen entgegen und ich sehnte einfach nur den Wendepunkt herbei.

Einmal hatte ich auf der Gegenseite ein Kilometerschild gesehen und mich umgedreht, um zu sehen, welche Marke das wohl sei. Es war die 37, ich hatte gerade die 30 passiert. Sieben Kaugummi-Kilometer lagen also vor mir.

Die 36 kam. In einem Kilometer würde ich die Attacke auf die letzten fünf Kilometer starten.

Denkste! Ein leichtes Wummern in der rechten Wade machte mich stutzig. Es war, als klopfe von innen jemand an den Muskel – Vorbote eines Krampfes. Dann auch in der linken Wade. Ganz leicht, aber so, dass ich keinen Gedanken mehr an eine Attacke verschwenden konnte, sondern schauen musste, irgendwie einen Krampf zu vermeiden, ohne Zeit zu vertrödeln. Ich marschierte ein kleines Stück. 6:09 Minuten brauchte ich bis zum Schild mit der 37. Würde dieser bis vor ein paar Minuten so perfekte Marathon jetzt doch noch desaströs enden? Ich wünschte mir Kopfhörer und meine Laufen-Playlist.

Das Publikum wurde plötzlich zur Belastung

Das leichte Zwicken in der Wade wurde nicht besser. Ich biss die Zähne zusammen und lief mit gebremstem Schaum weiter, schaffte den Kilometer in 5:25 Minuten. Ich hoffte auf die nahenden Stimmungs-Hochburgen Friesenplatz und Rudolfplatz. Auf den letzten drei Kilometern würde ich doch wohl wieder laufen können, das Publikum würde mich sicher ins Ziel tragen.

Nein. Immer wieder musste ich kurze Mini-Pausen machen. Am Friesenplatz fürchtete ich, mich gleich auf den Bordstein setzen zu müssen und folglich nicht mehr aufstehen zu können. Die Zuschauer, die meinen Namen riefen und mich anfeuerten, wurden plötzlich eher zur Belastung. Ich WOLLTE doch, ich KONNTE aber nicht rennen. Stattdessen kämpfte ich gegen drohende Krampf-Anflüge und gegen die aufkeimende Verzweiflung. 5:51 und 5:59 Minuten brauchte ich für die Kilometer 40 und 41.

Mit Kampf gegen den Krampf

Doch dann kam der Kampfgeist endgültig zurück. Nur noch ein Kilometer! Und die Prognose der Uhr zeigte plötzlich eine 3:50:irgendwas. DAS war der Moment. Ich musste nur wieder etwas schneller laufen, nur ein bisschen. Ich legte alles in diesen einen Kilometer. Die 42 kam nach passablen 5:33 Minuten, noch eine Kurve, dann sah ich endlich den Zielbogen und weit vor mir den roten Teppich. Noch 195 Meter.

Rennen! Einfach rennen! Mein Blick fixiert die Uhr. Da steht irgendwas mit 3:48. Ich schaue nach vorne und checke, wie weit es noch bis zum Bogen ist. Das schaffe ich! Ich renne weiter. Neben mir taucht aus dem Nichts ein Läufer auf, der seine Arme zum Jubel ausbreitet, während ich nur auf meine Uhr und den Zielbogen starre. Wir berühren uns, ich schimpfe irgendwas. Ich renne jubelnd durch den Zielbogen – das wollte ich doch! Ich stoppe die Uhr – 3:49:10 Stunden (offiziell dann 3:49:11).

Kaputt im Ziel des Köln-Marathons 2018.

Ich bin fertig, stütze mich auf einen Zaun, denke, dass ich jetzt bestimmt kotzen muss. Stattdessen kommen Tränen. Ich lasse ihnen ihren Lauf. Später mache ich ein paar Schritte, da spricht mich der Läufer an, mit dem ich beim Endspurt aneinander geraten bin. Ich solle halt nicht so nah bei ihm laufen. Ich habe keine Ahnung, wer nah bei wem gelaufen ist. Ich hatte nur Augen für meine Uhr und das Ziel.

Krämpfe und knüppelharte Waden

Wieder schießen Tränen in die Augen. Das Mädel an der Medaillenausgabe würde ich am liebsten in den Arm nehmen und hochheben, aber ich denke zu unser beider Glück noch an meine durchgeschwitzten Klamotten und das zweifelhafte Vergnügen, von mir hier und jetzt gedrückt zu werden.

Mit der Medaille um den Hals will ich mir gerade ein Getränk schnappen, da sticht es mich in die linke Wade. Ich zucke hoch und humple zum Zaun, lasse mich irgendwie auf den Bordstein plumpsen. Sofort kommt ein Läufer und dehnt mein Bein. Der Krampf will nicht gehen, wird immer schlimmer. Der ganze Unterschenkel wird knüppelhart. Dann auch noch das andere Bein. Inzwischen ist es ein Sani, der beide Beine in den Händen hält und dehnt. Läufer bringen mir Cola und Iso, neben mir stehen vier Becher, soviel kann ich gar nicht trinken.

Eine Läuferin steckt mir zwei Magnesium-Päckchen zu, die ich in mich reinkippe und mit Cola runterspüle. Endlich wird es besser. Ich kann aufstehen.

Gerade rechtzeitig, um erst Daniel im Ziel abzuklatschen, der gerade seine Medaille in Empfang genommen hat und auf Wiggy zu warten, der wenige Minuten später ebenfalls ins Ziel kommt.

4 Antworten auf „Köln-Marathon 2018: Mit Kampf und Krampf zum Dom“

  1. Danke für diesen packenden Bericht, an dessen Ende neben viel Schmerzen in den Beinen ein noch größerer Triumph mit dieser famosen Zielzeit gestanden hat.

    Herzlichen Glückwunsch!

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