DNS oder DNF – drei Buchstaben, die im Sport große Geschichten erzählen. „Did not start“ oder „Did not Finish“. Ich hatte vor dem Ultra in Kanada nur diese beiden Optionen. Am Ende fiel die Entscheidung ganz spontan.
Es ist die Nacht vom 11. auf den 12. September. In ein paar Stunden, um 6:40 Uhr, fährt das Shuttle vom Campingplatz Chûtes Fraser zum Start des Ultra Trail Harricana. 65 Kilometer durch den Nationalpark Hautes Gorges bei La Malbaie in Québec führt der Lauf.
Ich kann nicht schlafen. In meinem Kopf kreisen die Gedanken und spielen die schlechtestmöglichen Ausgänge des Laufs durch. Ich könnte die lädierte Achillessehne zerstören – unwahrscheinlich. Ich könnte aufgeben müssen – sehr wahrscheinlich. Ich könnte es ins Ziel schaffen und jubeln – ausgeschlossen. Ich könnte einfach so weit laufen wie möglich und dann aussteigen – machbar.
Startunterlagen
Am Vortag hole ich die Startunterlagen ab. Im Zielbereich des Laufs parken zahlreiche Autos und ein paar Wohnmobile. In einem kleinen Zeltdorf werden Laufklamotten verkauft. Die Startnummernausgabe befindet sich in einer Skistation, in der es nach Poutine duftet.
Ich reihe mich in die kurze Schlange vor der Taschenkontrolle ein. Natürlich habe ich meinen Laufrucksack gepackt. Gels für zwölf Stunden, eine Sicherheitsdecke, Trinkblase, Regenjacke. Die freundliche Dame am Checkin prüft meine Sachen, nickt, lächelt und wünscht mir viel Spaß. Dann schickt sie mich weiter zu ihrer ebenfalls sehr freundlichen Kollegin mit den Startnummern.
Auch die lächelt, checkt meinen Ausweis, zieht meine Startnummer aus einem Kasten und legt ein orangefarbenes Bändchen um mein rechtes Handgelenk. Jetzt habe ich alles, um morgen an den Start gehen zu können.
Alles, außer Zuversicht.

Da ist nicht dieses nervöse Kribbeln im Bauch. Nicht diese diffuse Mischung aus Vorfreude und Panik, die ich vor einem Lauf üblicherweise spüre. Ich schaue mich an den Klamottenständen um und kaufe ein langärmeliges Shirt. Es ist keines mit dem Logo des Laufs, kein Merch. Einfach ein funktionales Shirt. Am Start wird es schließlich kalt sein.
Aber das Kribbeln kommt nicht.
Alles so machen, als würde ich an den Start gehen
Mit der Familie habe ich beschlossen, alles so zu machen, als würde ich morgen wirklich ins Shuttle steigen, zum Start fahren und die 65 Kilometer angehen.
Wir fahren zu einem Supermarkt und kaufen Nudeln. Das Regal mit Müsliriegeln ist komplett geräubert. Überall begegnen wir Läuferinnen und Läufern, und allmählich spüre ich doch so etwas wie Vorfreude. Oder Angst? Ich weiß es selbst nicht.
Beim Abendessen fasse ich einen Entschluss: Ich werde starten und laufen, so weit ich komme. Inzwischen mache ich mir weniger Sorgen um meine Achillessehne als um meine muskuläre Ausdauer. Bei Wanderungen an den vergangenen Tagen habe ich gespürt, dass mir die rund 1900 Höhenmeter des UTHC mehr zusetzen werden, als mir lieb ist. Aber ich will zumindest ein Stück des Erlebnisses mitnehmen.

Wieder und wieder schaue ich auf den Streckenplan. 30 Kilometer müsste ich schaffen können. Also picke ich einen Verpflegungspunkt heraus, an dem ich aussteigen kann. Ein Fahrdienst würde mich dann zum Ziel bringen.
Ein geplantes DNF
DNF. Geplant. Keine Medaille, aber müde Beine und Erinnerungen. Der Gedanke fühlt sich gut und richtig an. Es ist ein Kompromiss.
Aber jetzt liege ich im Wohnmobilbett und kann nicht schlafen. Fragen und Zweifel sausen durch meinen Kopf. Schaffe ich das wirklich? Ist es fair, an den Start zu gehen und zu wissen, dass ich nicht ins Ziel laufen werde? Ist es fair, den Veranstalter für meinen Transport ins Ziel sorgen zu lassen, wo dieser Service doch eher für verletzte Läuferinnen und Läufer gedacht ist? Ist das ehrenvoll?
Ist es nicht einfach konsequent, nach einer nicht erfolgten Vorbereitung – die paar kurzen Läufe und Radfahrten zählen nicht wirklich – auf den Lauf zu verzichten?
Ich starre in die Dunkelheit. Der Wecker soll um 5 Uhr klingeln. Auf der Ablage neben der Spüle unseres Wohnmobils türmen sich meine Laufklamotten zu einem Berg: Hose, Shirts, der volle Rucksack mit der prall gefüllten Trinkblase, den Gels und ein paar Riegeln.
Noch einmal schließe ich die Augen, wieder schlafe ich nicht ein. Stattdessen höre ich, wie Autos anspringen und über den Campground rollen. Offenbar machen sich die ersten Läuferinnen und Läufer auf den Weg zum Start.
Ich strecke den Arm aus und greife zum Handy. Es ist 4 Uhr. In einer Stunde will ich aufstehen. Wieder brummt draußen ein Motor. Bestimmt unser Stellplatznachbar. Noch ein Blick aufs Display.
Dann schalte ich den Wecker aus, drehe mich um und schlafe endlich ein.
Das Shuttle darf ohne mich fahren.

