Nach Berlin 2018 sollte die Leichtathletik kämpfen, nicht jammern

Die European Championships haben es wieder einmal gezeigt: Die Sportwelt hat so viel mehr zu bieten als Fußball. Natürlich emotionalisiert der Fußball auf eine ganz besondere Weise. Aber auch Schwimmen, Turnen, Rudern bieten jede Menge Drama und Spektakel. Doch sie sollten sich nichts darauf einbilden. Denn wie es einer Sportart geht, die sich für die verkannte geilste im ganzen Land hält, sieht man an der Leichtathletik.

Was waren die Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin für ein herrliches Spektakel! Nicht nur wegen der vielen deutschen Medaillen darf sich Sport-Deutschland glücklich schätzen, die Titelkämpfe ausgerichtet zu haben. Leichtathletik verströmt immer auch olympisches Flair. Wir haben jede Menge toller Athletinnen und Athleten! Ein großes, volles Stadion, viele Disziplinen gleichzeitig – die Leichtathletik hat einfach einen unwiderstehlichen Reiz.

Das Gejammere der Leichathletik

Wenn da dieses ewige Gejammere nicht wäre. Ich weiß nicht, ob sich französische, britische oder US-amerikanische Leichtathleten auch am laufenden Band über die Dominanz anderer Sportarten beschweren. In diesen Ländern fließt jedenfalls ebenso unendlich viel Geld in den Fußball bzw. andere Mannschaftssportarten wie in Deutschland.

Gut, fairerweise muss ich zugeben, dass gerade in den USA die Sportwelt durch die großartige Arbeit an den Universitäten wesentlich vielseitiger ist als in Deutschland. Hier ist alles, was nicht Fußball ist, einfach chronisch unterfinanziert.

Die Leichtathletik macht sich nicht hübsch genug

Das ist einerseits ein strukturelles Problem, das durch seltsame, medaillenfixierte staatliche Fördermethoden, eine mediale Fußball-Monokultur und das Fehlen von zahlungskräftigen Sponsoren verursacht wird. Andererseits macht sich die Leichtathletik aber auch nicht gerade hübsch, um außerhalb von Großveranstaltungen auf sich aufmerksam zu machen.

Die Stars der Leichtathletik – so scheint es – werden im Nationaltrikot geboren und verschwinden irgendwann so lautlos wie sie gekommen sind. Wer kann sagen, für welchen Verein Gina Lückenkemper startet? Okay, auf Bayer Leverkusen könnte man mit etwas Rateglück noch kommen. Aber bei welchem Verein war sie vor dem Wechsel nach Leverkusen? LG Olympia Dortmund – da wird’s schon schwer. Und davor? Haha! LAZ Soest – da kommt doch kein Mensch drauf, vermutlich nicht mal, wenn er aus Soest kommt.

Niemand kennt Leichtathletik-Vereine

Für welchen Verein startet Gesa Krause, die in Berlin so herzerfrischend zum Titel über 3000 Meter Hindernis rannte? Silvesterlauf Trier – wer soll das denn wissen? Diese Liste ließe sich unendlich lang fortsetzen und Namen wie Sprintteam Wetzlar, LG Telis Finanz Regensburg oder LG Stadtwerke München zutage fördern. Lauter unbekannte Vereine mit teils sehr bekannten Gesichtern.

Daran wird sich so schnell nichts ändern, wenn sich die Leichtathletik nicht ändert.

Ich gebe zu, ich habe keine Ahnung von Trainingslehre. Daher vermute ich mal, dass Leichtathletik-Trainer zumindest nicht alles falsch machen, wenn sie mit ihren Schützlingen arbeiten. Leichtathleten trainieren viel, sehr viel. Eigentlich ständig. Die trainieren so viel, dass man sie irgendwie nie bei Wettkämpfen sieht. Man muss schon ein totaler Nerd sein, um zu wissen, bei welchem Sportfest die Sportler des heimischen Leichtathletik-Vereins am Wochenende anzutreffen sind. Doch was nutzt die beste sportliche Leistung, wenn sie vor einem überschaubaren Haufen Insider statt vor einem größeren Publikum erbracht wird?

Mehr Wettkämpfe, mehr Präsenz – ein Ligen-System muss her!

Wie gesagt, habe ich von Trainingslehre wenig Ahnung, wohl aber vom Sport-Gucken. Ich gucke mir wahnsinnig gerne Wettkämpfe an.  Dazu müssen aber welche stattfinden. Ich will sehen, wie sich die Athleten meines Heimatvereins im nationalen und internationalen Vergleich schlagen. Ich will mit „meinen“ Athleten fiebern. Ich will Heimspiele!

In nahezu jeder Sportart gibt es ein Ligen-System, selbst beim Triathlon hat man es irgendwie geschafft. Dann muss das doch auch bei der Leichtathletik gehen.

Wie eine Leichtathletik-Liga aussehen könnte, ist relativ simpel erklärt. Die Wertung würde laufen wie bei Länderkämpfen bzw. der Team-Europameisterschaft, wo für jede Platzierung Punkte vergeben werden. An den einzelnen „Spieltagen“ könnten beispielsweise beim Heimspiel der LG Olympia Dortmund die Athleten von Bayer Leverkusen, dem VfB Stuttgart und der LV Erzgebirge um Punkte kämpfen. Am Ende hätte man ein Ergebnis, das sich in eine Tabelle eintragen lässt. Eine oder zwei Wochen später stünde das nächste Wettkampfwochenende an, diesmal auswärts in einer anderen Konstellation.

Wie viele Wettkämpfe den Sportlern zumutbar wären, müssen Experten entscheiden. Für das Publikum wären die Leichtathletik und ihre Stars durch eine erhöhte Anzahl an Wettkämpfen aber greifbarer. Das Publikum würde doch ins Stadion gehen, um Gina Lückenkemper gegen Tatjana Pinto laufen zu sehen oder um zu checken, wie sich die Athletinnen des örtlichen Vereins gegen die Stars schlagen.

Weg von der Fixierung auf Zeiten – es geht um Sieg und Niederlage

Das Schöne an der Leichtathletik sei – so sagen es Athletin immer wieder – die Messbarkeit von Ergebnissen. Es gehe nicht um Taktik, sondern um Leistung. Das ist richtig und macht Wettkampfsportarten wesentlich ehrlicher als den Fußball, wo sich Mannschaften mit unterirdischen Leistungen Titel erstümpern können. Was aber verloren geht, ist die Siegermentalität. Leichtathletik ist zu sehr der Kampf gegen die Uhr oder gegen das Maßband und zu wenig Kampf Athlet gegen Athlet.

Das widerspricht dem Geist jedes Sport, denn schon Kinder ermitteln nicht mit Stoppuhr oder Metermaß, wer am schnellsten rennt und am weitesten wirft, sondern im direkten Aufeinandertreffen. Wenn es in einer Leichtathletik-Liga darum geht, möglichst viele Punkte zu sammeln, kommen die guten Zeiten doch ganz von alleine – durch den größeren Wettkampfdruck vielleicht sogar noch eher als durch die reine Fixierung auf die Uhr.

Ich sehe ja bei Kind 2, wie oft sie Training hat und wie selten Wettkämpfe stattfinden. Ohne regelmäßige Gelegenheit, sich zu messen, verkommt das Training irgendwann zum Selbstzweck. So macht sich eine Sportart mit unfassbar großem Potenzial selber unattraktiv. Kleine Kicker oder Handballer haben an jedem Wochenende ein Spiel und am Ende vieler Trainingseinheiten steht zumindest ein kleines Spiel, um den Spaß nicht zu verlieren.

Leichtathletik – heul leise

Statt zu jammern, dass die Kanzlerin zum Fußballgucken bis nach Rio fliegt, aber nicht zu den Leichtathleten nach Berlin kommt, sollte die Leichtathletik an sich arbeiten und sich noch attraktiver machen. Nicht für die Kanzlerin, sondern fürs Publikum und für Nachwuchssportler. Das Potenzial ist vorhanden. Leichtathletik ist spannend und spektakulär, Leichtathleten sind Typen – viel zu cool, um sich nur alle zwei Jahre zu zeigen.

Natürlich haben Leichtathleten im Prinzip Recht, wenn sie sich über die Abwesenheit der Kanzlerin beschweren, aber sie klingen dabei wie ein knatschiges Kleinkind, das sich ungerecht behandelt fühlt, weil die große Schwester mehr Taschengeld bekommt und länger draußen bleiben darf.

Nicht jammern – kämpfen

Statt weinerlich zu klagen, wäre ein kämpferischer Appell an die Kanzlerin passender gewesen. Ein Appell, dass es auch eine Sportwelt außerhalb der Umkleidekabine der Fußball-Nationalmannschaft gibt. Und dass dieser Sportwelt mit jeder Tartanbahn, die verschwindet, der Boden unter den Füßen weggezogen und jedem geschlossenen Schwimmbad das Wasser abgegraben wird.

In Berlin wird ernsthaft darüber diskutiert, das Olympiastadion in ein reines Fußballstadion umzubauen. In München gammelt eine ehedem stolze Arena vor sich hin. Die meisterschaftstauglichen Stadien in Hamburg, Gelsenkirchen, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Leipzig und Stuttgart sind längst Geschichte. Ein Abschied von der blauen Berliner Bahn würde das Ende Deutschlands als Standort für internationale Titelkämpfe bedeuten.

Schwimmbäder schließen, Hallen sind marode, Stadien werden zu reinen Fußballarenen. Ja, ein Besuch Merkels wäre wichtig gewesen. Aber nicht, um die Seelchen der Leichtathleten zu streicheln, sondern um der Kanzlerin zu zeigen, welche Begeisterung Nicht-Fußball entfachen kann, was für tolle Sportlerinnen und Sportler wir haben und was für ein internationales Flair Veranstaltungen wie die Leichtathletik-EM oder die European Championships ausstrahlen.

2 Antworten auf „Nach Berlin 2018 sollte die Leichtathletik kämpfen, nicht jammern“

  1. Ich finde die Idee eines Ligasystems sehr gut, auch wenn man sich sicher nicht der Illusion hingeben darf, dass es dadurch quantitativ zu fußballähnlichen Fanbewegungen kommen wird. Ein Problem ist sicher auch, dass man nicht das komplette Spektrum aller leichtathletischen Disziplinen in solch einem Ligawettkampf unterbringen kann. Man müsste also, ähnlich wie in der Diamond League eine Auswahl an Disziplinen anbieten. Dadurch würden aber die nicht ausgewählten Disziplinen sehr an Wertigkeit und Interesse verlieren, so das jedes Jahr zumindest ein Teil der Disziplinen ausgewechselt werden müsste. Insgesamt glaube ich, dass den Athleten diese erhöhte Wettkampfpräsens in Bezug auf eine stabile Leistungsentwicklung gut tun würde. Wenn ich manche Athleten beobachte, die im Wettkampfjahr an 5 – 6 Wettkämpfen teilnehmen, wundert es mich nicht, dass Sportler, die mit super Vorleistungen, auf nationaler oder gar regionaler Ebene erzielt, zu internationalen Meisterschaften anreisen, und dort völlig untergehen. Da fehlt dann einfach Wettkampfhärte, -praxis und -sicherheit. Früher hat man gesagt „Wettkampf ist das beste Training“.
    Und dann muss ich noch ein Wort zu den Medien loswerden. Die Art und Weise, wie so eine Fernsehberichterstattung, wenn es denn mal eine gibt, rübergebracht wird, trägt natürlich auch wesentlich dazu bei, wie ein Zuschauer die Disziplin Leichtathletik erlebt. Und wenn ich dann erleben muss, wie uninspiriert mancher Kameramann bzw. sein Regisseur oder wie selbstverliebt manche Moderatoren mit der knappen Sendezeit umgehen, krieg ich „einen Hals“. Bei der EM war´s noch ganz ok, aber da war auch reichlich Sendezeit vorhanden. Trotzdem wurden ständig recht aussagearme Liveinterviews eingeschnitten, wenn woanders gerade eine Disziplin im entscheidenden Stadium ablief und die guten Versuche wurden dann bestenfalls als „Konserve“ nachgereicht. Warum nicht umgekehrt. Oder die Kamera schwenkt gefühlte Ewigkeiten unentschlossen zwischen Stadiontotalen und Wolken, nur weil gerade kein Laufwettbewerb stattfindet, anstatt dann in laufende Wettbewerbe der Springer und Werfer einzublenden.

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