Alle reden über Arda Saatçi, kaum jemand über Rachel Entrekin – das ist kein Zufall

Deutschland liebt seine Helden groß, laut und männlich. Je mehr Schweiß über gestählte Muskeln fließt, je martialischer die Sprache, desto zuverlässiger die Klicks. Während also tagelang ein livestreamtauglicher Wüstenmarsch von Arda Saatçi durch sämtliche Timelines gespült wurde, gewann nahezu unbemerkt Rachel Entrekin eines der härtesten Rennen der Welt. Nicht irgendein Projekt. Einen echten Wettkampf.

Die Schuhe quietschen auf dem Linoleumboden der Tankstelle irgendwo zwischen Müdigkeit und Selbstüberschätzung. Zwei Läufer stehen vor dem Regal mit Energy Drinks, diese dünnen Dosen, die angeblich Flügel verleihen, in Wahrheit aber den Rechtspopulismus stützen. Der eine spricht über „Mindset“, der andere über Natriumtabletten. Draußen brennt die Sonne auf Asphalt, drinnen riecht es nach Kaffee, Gummibärchen und einer Form von Männlichkeit, die sich permanent selbst bestätigen muss.

Ausdauersport als Contentmachine

Man kennt diese Szene inzwischen. Der Ausdauersport, insbesondere das Ultrarunning, ist längst nicht mehr nur sportliche Grenzerfahrung, sondern Contentmaschine. Weshalb Projekte wie die „Cyborg Season“ von Arda Saatçi derart zuverlässig Aufmerksamkeit erzeugen. Arda Saatçi lief beziehungsweise bewegte sich im Rahmen eines von Red Bull begleiteten Projekts über mehr als 600 Kilometer durch die kalifornische Wüste Richtung Pazifik. Livestreams, Durchhalteparolen, Social-Media-Clips im Hero-Look. Die mediale Erzählung war von Anfang an klar: Mensch gegen Natur, Wille gegen Körper, Krieger gegen Grenzen. Pathos gegen guten Geschmack.

Das Ende der Route 66 und Ziel für Arda Saatci.

Denn der Laufsport verkommt ohnehin immer mehr zur Bühne, auf der minimal talentierte, mittelmäßig originelle und maximal nervtötende Läuferinnen und Läufer sich selbst vermarkten, als hinge am nächsten Reel die Rettung der Zivilisation. Jeder Longrun wird zur Heldenreise, jeder Recovery Run zur Charakterprüfung, jede Banane an der Verpflegungsstation zum Baustein einer Personal Brand. Sie feiern sich entweder für ihre wahnsinnig schnelle Pace – oder dafür, dass sie extrem langsam sind, dafür aber wenigstens süß.

Wo endet Sport, wo beginnt Unsinn?

Da kann ein nur am Rande sportinteressierter Mensch schon einmal durcheinanderkommen, wo genau die Grenze zwischen Sport, Selbstverwirklichung und komplettem Unsinn verläuft. Zumal diese Grenze selten dort gezogen wird, wo die sportliche Leistung beginnt, sondern dort, wo die Kamera eingeschaltet wird.

Parallel dazu gewann Rachel Entrekin den Cocodona 250. Und zwar nicht die Frauenwertung, die man in Sportberichterstattung gerne als hübsche Nebenkategorie mitführt. Sie gewann das gesamte Rennen. Vor allen Männern. In Streckenrekordzeit.

Das Cocodona 250 führt über rund 400 Kilometer durch Arizona, mit etwa 12.000 Höhenmetern, Hitze, Schlafentzug, technischen Trails und einem Zeitlimit von mehreren Tagen. Es gilt als eines der brutalsten Ultrarennen der Welt. Rachel Entrekin lief die Strecke in 56 Stunden, 9 Minuten und 48 Sekunden und wurde damit als erste Frau Gesamtsiegerin des Rennens.

Doch während Saatçi in Deutschland zur überlebensgroßen Figur hochgeschrieben wurde, blieb Entrekins Leistung weitgehend Nischenwissen für Menschen, die ohnehin im Trailrunning unterwegs sind. Das ist bemerkenswert. Denn es zeigt ziemlich präzise, was es offenbar braucht, um hierzulande als Held gefeiert zu werden: Man muss ein Mann sein.

Mann + Influencer + Red Bull = Giftmischung

Noch besser funktioniert die Sache allerdings mit der spezifischen Giftmischung aus Mann, Influencer und Red Bull. Eine Kombination, die kulturell toxischer wirkt als die widerliche Blubberbrause schmeckt. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Sport, sondern um Inszenierung. Um Männlichkeitsperformance. Um diese seltsame Dauerbehauptung, wonach Härte automatisch Tiefe erzeugt.

Dabei wird die eigentliche Leistung fast nebensächlich.

Denn erstens stellt sich durchaus die Frage, worin hier eigentlich das Vorbild bestehen soll. Saatçi inszeniert sich als Kriegerfigur, als leidender Kämpfer gegen die Elemente. Das Problem ist nur: Der moderne Ausdauersport leidet ohnehin schon unter einem Übermaß an testosterongeladener Selbstmythologisierung. Männer, die mit eingefallenen Gesichtern in die Kamera sagen, sie hätten „den Schmerz besiegt“, wirken selten wie Menschen, die in ihrem Leben besonders viel verstanden haben. Eher wie Menschen, die gelernt haben, ihren Körper als Marke zu benutzen.

Zweitens bleibt die Anschlussfähigkeit solcher Projekte fragwürdig. Denn was genau sollen Menschen mit Familie, Beruf, Care-Arbeit oder halbwegs geregeltem Alltag daraus mitnehmen? Dass man alles schaffen kann, wenn man nur genug leidet? Die Wahrheit lautet doch: Solche Projekte funktionieren oft nur innerhalb einer komplett entkoppelten Lebensrealität. Das gilt übrigens nicht nur für Saatçi, sondern auch für Joyce Hübner, die derzeit mit ihrem Projekt „Joyce Städtetrip“ durch Deutschland läuft und dabei 495 Marathons an 495 Tagen absolvieren will.

Beeindruckend ist das ohne Frage. Doch die ständige Vermarktung maximaler Verfügbarkeit des eigenen Körpers produziert irgendwann eine seltsame Entfremdung vom normalen Leben. Die meisten Menschen trainieren zwischen Kita, Job und Einkauf und pennen bei den Tagesthemen erschöpft ein. Andere machen ihr Leben selbst zum Ausdauerprojekt.

Selbstgewähltes Projekt vs. Wettkampf

Und drittens, darüber spricht auch irgendwie keiner: Arda Saatçi ist keinen Wettkampf gelaufen. Er hat ein eigenes Projekt absolviert, dessen Regeln er selbst definiert hat. Das schmälert die körperliche Leistung keineswegs. Niemand läuft, walkt, wandert 600 Kilometer durch diese Gegend mal so eben und ohne Trianing. Aber es war halt kein Rennen unter gleichen Bedingungen gegen Konkurrenz. Er hätte ja auch beim Badwater 135 mitmachen können, aber da hätte er erstens Konkurrenz und zweitens weniger Hoheit über die eigene Vermarktung gehabt.

Rachel Entrekin hingegen lief einen Wettkampf. Mit Gegnern. Mit offenem Ausgang. Mit Risiko des Scheiterns. Und sie gewann.

Maximal sichtbar leiden

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Kern der Sache. Der männliche Held unserer Gegenwart muss nicht unbedingt gewinnen. Er muss nur maximal sichtbar leiden. Die Kamera liebt Erschöpfung, wenn sie von einem Mann performt wird. Eine Frau dagegen darf zwar Historisches leisten, allerdings möglichst ohne allzu viel kultische Überhöhung. Entrekin wirkt in Interviews beinahe irritierend sachlich, freundlich und unspektakulär. Keine Kriegerpose. Kein Endzeitpathos. Kein „Cyborg“.

Nur eine Frau, die über 400 Kilometer schneller lief als alle anderen.

Und vielleicht ist genau das schwer auszuhalten. Denn Rachel Entrekin zerstört mit einer einzigen Leistung die komplette Erzählung vom heroischen Ultra-Mann. Sie brauchte keine martialische Inszenierung. Keine Dose in der Hand. Kein Dauergebrüll von „Grenzen verschieben“.

Sie lief einfach schneller.

Arda Saatçi tritt auf wie ein Krieger.
Müsste ich meinen Kämpfer wählen, ich würde Rachel Entrekin nehmen.

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