Die Menschen in NRW haben votiert: Bei der Abstimmung, ob sich das Ruhrgebiet mit Köln im Schlepptau für Olympia bewerben soll, war eindeutig: Rund zwei Drittel der abgegebenen Stimmen waren Ja-Stimmen.
Hurra, Olympia kommt nach Dortmund! Oder nach Oberhausen. Und Duisburg. Und NRW. Oder Herten. Ach, nee, nicht nach Herten. Dort wurde nicht das nötige Quorum bei der Abstimmung, ob sich NRW mit Köln und anderen Städten an Rhein und Ruhr für Olympische Spiele bewerben sollen.
Aber außer Herten wollen wirklich alle.
Zu wenig Diktatur und Korruption
Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn es klappen würde. Mit der Bewerbung. Das würde mir schon beinahe reichen. Denn ich rechne nicht damit, dass wir hier im Westen tatsächlich ausgewählt würden. Uns fehlt der Glamour von Paris oder Los Angeles und das Geld und die diktatorische Entschlossenheit von Peking. Wobei genau das vielleicht der Punkt ist, an dem es interessant wird: Olympia nicht als Machtdemonstration, sondern als Kooperationsprojekt. Nicht die eine Stadt, die sich herausputzt, sondern eine Region, die sich zeigt, wie sie ist. Uneitel, dicht, widersprüchlich.
Seit 1989 wünsche ich mir, dass Olympia ins Ruhrgebiet kommt. Damals fand in Duisburg eine kleine Not-Ausgabe der Universiade statt, weil der ursprünglich geplante Ort abgesagt hatte. Plötzlich waren sie da, diese Athleten. Im Bus, in der Stadt, zwischen Alltag und Pommesbude. Sie gehörten einfach dazu und verliehen Duisburg etwas, das man hier sonst eher selten sieht: internationales Selbstverständnis. Das Wedaustadion, damals noch mit Laufbahn, wirkte wie ein Olympiastadion im Kleinformat. Nicht perfekt, aber ausreichend. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Ruhrgebiets-Disziplin: ausreichend gut sein und daraus etwas Eigenes machen.
Reichlich Gründe gegen Olympia
Natürlich gibt es reichlich Gründe, Olympia nicht zu wollen. Korruption, Kommerz, hohe Eintrittspreise, Nachhaltigkeit, beziehungsweise ihre Abwesenheit. Das habe ich selbst schon einmal durchdekliniert, in der Frage, wer hier eigentlich wen braucht: Olympia Deutschland oder Deutschland Olympia. Die Antwort ist offen geblieben, alldieweil beide Seiten voneinander profitieren wollen, ohne sich wirklich zu verändern.
Doch das muss ja nicht so sein. Insbesondere in Sachen Nachhaltigkeit ist das Konzept für NRW bemerkenswert unaufgeregt und gerade deshalb überzeugend. Es setzt nicht auf gigantische Neubauten, sondern auf das, was bereits vorhanden ist: Stadien, Hallen, Verkehrsachsen, eine ohnehin eng verwobene Metropolregion. Wettkämpfe würden verteilt, Wege kurz gehalten, temporäre Bauten später wieder zurückgebaut. Das klingt weniger nach olympischem Größenwahn als nach einer Art infrastrukturellem Pragmatismus. Einerseits fehlt damit der ikonische Moment, das eine Bild, das bleibt, andererseits entsteht genau daraus eine Erzählung, die zum Ruhrgebiet passt: Viele Orte, viele Geschichten, kein Zentrum, das alles dominiert.
In NRW sind viele Sportstätten vorhanden
Wir haben Hallen, Stadien und allerlei Örtlichkeiten, an denen Sport auf Weltklasseniveau möglich ist. Wer einmal bei einem Leichtathletik-Meeting in Dortmund war, weiß, dass diese Stadt mehr kann als Fußball, auch wenn sie es nicht immer zeigt. Gepaart mit der Industriekultur im Ruhrgebiet böte das eine Möglichkeit, der Welt eine Region zu präsentieren, die sich nicht über Postkarten definiert, sondern über Transformation. Zechen, Hochöfen, Kanäle und dazwischen Menschen, die laufen, springen, werfen.
2024 war Olympia in Paris. „So nah kommt Olympia nie wieder“, dachte ich und machte mich auf den Weg, um zumindest mal einen Tag lang olympisches Flair zu erleben. Es war fantastisch. Nicht nur wegen der Wettkämpfe, sondern wegen dieser merkwürdigen Verdichtung von Welt, bei der plötzlich alles gleichzeitig stattfindet: Nation, Körper, Wettbewerb, Zufall. Und ich mittendrin, leicht verloren und doch Teil davon. Seitdem wirkt die Idee, Olympia vor der eigenen Haustür zu haben, noch absurder und noch verlockender zugleich.
Doch es gibt einen viel profaneren Grund, sich um Olympia zu bewerben: Infrastruktur. Dortmund bezeichnet sich gerne als Sportstadt, schafft es aber nicht einmal, eine vernünftige Sporthalle zu bauen. Das ist unerquicklich. Eine Olympia-Bewerbung würde Geld mobilisieren, das sonst nicht da wäre. Plötzlich ginge es nicht mehr nur um lokale Haushaltsdebatten, sondern um internationale Anforderungen. Man könnte das zynisch nennen, ich halte es eher für realistisch. Große Ereignisse zwingen zu Entscheidungen, die man sonst gerne vertagt.
Leistungssport fördern
Und dann ist da noch der Leistungssport selbst, dieses in Deutschland stiefmütterlich behandelte Feld zwischen Bewunderung und Skepsis. Wir wollen Medaillen, aber bitte ohne ausreichende Förderung, ohne System, ohne allzu sichtbare Anstrengung. Olympia würde diese Widersprüche nicht auflösen, aber sichtbar machen. Vielleicht ist genau das nötig.
Ist mir aber auch egal. Ich will Olympia. Nicht aus rationalen Gründen, nicht wegen irgendwelcher langfristigen Effekte, die Studien ohnehin relativieren, sondern weil es sich gut anfühlt, diese Idee zu denken. Eine Region, die sich nicht versteckt, sondern sagt: Wir können das. Vielleicht nicht perfekt. Aber ausreichend gut. Und das ist hier bekanntlich schon eine ganze Menge.

