Wink doch mal – vom Laufen und Grüßen

Ob auf der Hausstrecke oder auf fremden Pfaden, ich grüße meine Mitläufer. Die meisten grüßen zurück oder sogar zuerst. Aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass die Stimmung auf meinen Laufstrecken eisiger geworden ist.

Bei einem langen, langsamen Trainingslauf über 25, 30 oder mehr Kilometer begegnet man ja so manchem Mitläufer und so mancher Mitläuferin. Die meisten kommen entgegen, einige überholen, andere überholt man selbst. Bis vor Kurzem schien es Konsens zu sein, dass man sich grüßt, wenn man sich begegnet. Ich grüße (fast) immer.

Ein kurzes „Moin“ geht bei Laufen fast immer

Wer mir entgegen kommt, bekommt von mir in aller Regel ein mal mehr, mal weniger deutlich artikuliertes „Moin“ zu hören. Abhängig von meinem Tempo kann das auch mal ein Hauchen oder ein Grunzen sein. Vorsichtshalber mache ich meistens noch eine dezente Handbewegung dazu. Manchmal reicht die Puste auch nur für die Handbewegung.

Selbst beim Training auf der Bahn grüßen sich Läufer ab und zu.

Wie auch immer – ich grüße. Ein Gruß unter Läufern heißt für mich, dass ich Respekt habe und dass ich mich über einen Mitsportler freue. Wir sind Brüder und Schwestern im Schweiße.

Immer weniger Läufer grüßen zurück

Doch seit einigen Monaten habe ich das Gefühl, dass die Stimmung eisiger geworden ist. Klar, noch nie hat jeder zurückgegrüßt. Auch ich erwidere nicht jeden Gruß, insbesondere dann nicht, wenn ich gerade hochkonzentriert Runden zähle, mich auf meine Pace fokussiere oder sonstwie mit dem Kopf voll und ganz bei mir und meinem Training bin.

Wenn mir ein sichtbar auf Tempo laufender Kollege begegnet, erwarte ich daher auch keine Erwiderung oder grüße erst gar nicht. Man erkennt es ja doch, wenn da gerade jemand Ernst macht.

„Boah, bin ich kaputt!“ – auch das kann ein Gruß sein.

Aber kann es sein, dass die Zahl der Menschen, die extra weggucken, wenn man ihnen entgegenläuft, gewachsen ist? Ich meine, das immer öfter zu beobachten. Der Kopf wird weggedreht oder nach unten geneigt, wenn der Blick nicht eh schon silbrig ins Nichts geht. Wer mit Kopfhörern läuft, wirkt ohnehin oftmals entrückt – wobei ich es auch mit Musik in den Ohren schaffe, jemandem zuzunicken.

Was ist los, Leute? Ihr macht doch nicht alle ständig Intervalle oder Tempo-Dauerläufe! Selbst mit hochrotem Kopf kann man doch wenigstens kurz nicken, lächeln oder zwinkern!

Mädels, macht euch locker!

Noch komplizierter ist die Sache mit den Mädels geworden. Die meisten lächeln scheu zurück, wenn ich zum Gruß lächle, die Finger bewege oder „Moin“ grunze. Andere allerdings schauen stur nach vorne oder weg und wirken, als würden sie sich am liebsten unsichtbar machen.

Ich kann verstehen, dass Frauen jede Anmache nervig finden. Sie wollen einfach nur ihre Runden drehen und nicht angebaggert werden. Aber ich baggere ja nicht, ich grüße.

Ein Mann für gewisse Runden

Und ich quatsche gerne. Ich habe mir beim Laufen schon öfter kurzfristige Partner und Partnerinnen angelacht. Ich bin halt ein Mann für gewisse Runden und achte bei meiner Partnerwahl weniger aufs Geschlecht als auf die Pace.

Im Winter hilft beim Grüßen keine Mimik, da geht‘s nur mit Zeichensprache.

Neulich habe ich mit einer älteren Läuferin kurz gequatscht, weil sie ein Berlin-Finisher-Shirt trug. Der jüngeren Läuferin, der ich letztens bei der dritten Begegnung beim Intervall-Training mit deutlicher Mimik zu verstehen gab, wie kaputt ich war, konnte ich immerhin ein freundliches Lächeln entlocken, obwohl sie offenbar auch gerade in einer Tempoeinheit steckte. Es geht also.

Ich bin harmlos

Da ich nie etwas Böses im Sinn habe, existiert für mich nicht der Gedanke, dass sich eine Läuferin durch mich bedroht fühlen könnte. Nach den jüngsten Vorfällen mit Überfällen auf Läuferinnen würde ich sogar meinem Gruß beim Lauf in der Dämmerung noch eine weitere Bedeutung geben: Das Signal, dass sie nicht alleine ist und eben keine Angst zu haben braucht.

Verschiedene Orte, unterschiedliches Grüßverhalten

Doch nicht nur Geschlecht und Trainingsform scheinen Einfluss auf das Grüßverhalten von Läufern zu haben.

Auch der Ort scheint eine Rolle zu spielen. Im Rombergpark laufen überwiegend entspannte Grüßer. Im Wald noch mehr. Am Phoenixsee allerdings wird kaum (zurück)gegrüßt. Warum ist das so? Trainieren am See ernsthaftere Leute? Oder unfreundlichere Zeitgenossen? Macht die Landschaft im Park die Menschen netter? Ich kann’s mir nicht erklären.

Die beste Jahreszeit zum Grüßen, das habe ich herausgefunden, ist der Winter. Werk mit Tuch vor dem Mund bei minus zehn Grad auf Gleichgesinnte trifft, grüßt und wird zurückgedrückt. Das motiviert und drückt ganz klar aus: „Siehst du, du bist nicht der Einzige, der so bescheuert ist, bei diesem Wetter laufen zu gehen.“

Wie auch immer: Ich werde weiter grüßen. Für mich gehört es dazu. Und noch scheinen es die meisten anderen Läufer ähnlich zu sehen.

3 Antworten auf „Wink doch mal – vom Laufen und Grüßen“

  1. In München ist’s ebenso. Auf dem Isar-Highway oder im Englischen Garten sind die Läufer meist völlig perplex, wenn man grüßt. In den kleinen Parks funktioniert das etwas besser. Da kann man allerdings auch fast die Uhr danach stellen, wann wer seine Runden dreht. Gassi-Geher freuen sich übrigens auch über ein nettes „Hallo“ und helfen im Gegenzug auch mal mit einem Tempo gegen die Schniefnase aus.

    Insgesamt setze ich inzwischen mitleidslos meine Charme-Offensive durch: gegrüßt wird alles, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Erste Erfolge könnte ich messen, müsste dazu aber die Anzahl an mir entgegengeworfenem Lächeln aufzeichnen. Dafür wiederum bin ich zu faul. 😉

    Grüße!
    Steffi

    1. Charme-Offensive klingt schön. 🙂
      Ich war mal in einer Gruppe unterwegs, in der eine Frau mitlief, die sehr penetrant alles und jeden gegrüßt hat. Die hatte so eine penetrante Stimme, das war echt nervig.

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